Interview mit Stefan Lehmann über seine Vision eines großen deutschen Bogensportverbandes
Redaktion - Interviews
Stefan Lehmann hat die internationale Bogensportszene genau im Blick. Er ist seit 2001 internationaler Kampfrichter bei der FITA. Sein Vater Karl-Heinz Lehmann gründete 1959 den Deutschen Bogensportverband (DBSV) in der DDR mit und war sein erster Präsident. Stefan Lehmann ist heute Vizepräsident des DBSV.
Wir trafen Stefan Lehmann im Mai 2010 beim FITA World Cup in Porec/Kroatien und unterhielten uns über die besondere Situation in Deutschland mit den drei nationalen Verbänden, die den Bogensport fördern: Der Deutsche Schützenbund (DSB), der Deutsche Feldbogenverband (DFBV) und natürlich der Deutsche Bogensportverband (DBSV). Gemeinsam beschlossen wir in Porec, dieses Interview zu führen.
Bogensport-extra.de: Herr Lehmann, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands hat eine Vereinigung des Deutschen Schützenbundes mit dem DBSV nicht funktioniert. Ist das nicht schade ?
Stefan Lehmann: Die Frage kann ich nur mit Ja und Nein beantworten. Sicher wäre es für die Entwicklung des Bogensports in Deutschland, aber auch für die Bogensportler einfacher und schöner, wenn alle Bogensportler in einem gemeinsamen Verband organisiert sind.
Der Deutsche Schützenbund ist aber nach der Wende mit der durch die Politik vorgegebenen Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass der DBSV seine Bogensportler in den Deutschen Schützenbund schickt, damit sie sich seinen Bedingungen unterordnen.
Da im DSB aber nur ein eingeschränktes Sportprogramm für Bogensportler angeboten wird und der Bogensport dort nur als eine von vielen Waffenarten behandelt wird, muss die Frage klar mit "Nein" beantwortet werden.
Bogensport-extra.de: Der DBSV - 1959 in der DDR gegründet - hat mittlerweile auch auf dem Gebiet der alten Bundesländer Fuß gefasst. Wie ist das zu erklären ?
Stefan Lehmann: Dies schließt sich logisch an die vorige Frage an. Gleich nach der Öffnung der Mauer gab es Kontakte unter den Bogensportlern. Die Bogensportler aus der "alten" Bundesrepublik baten uns sofort, den eigenständigen Bogensportverband zu erhalten. Dies war für sie die Chance, Bogensport zukünftig durch Bogensportler zu organisieren. Sie berichteten uns, wie praktisch durch Sportschützen bestimmt wurde, wie sie Bogensport zu betreiben haben. So kam es dann Anfang März 1991 zur Umbildung des DBSV in einen bundesweiten Verband. Verbunden damit war die Gründung von Landesverbänden des DBSV in etlichen "alten" Bundesländern, die auch sofort aktiv die Arbeit des DBSV unterstützten.
Bogensport-extra.de: Sie kennen als Mitarbeiter der FITA die internationale Bogenszene sehr genau. Wie sind die Bogensportler in anderen Ländern organisiert ?
Stefan Lehmann: Die Frage ist ganz schnell beantwortet. Die Mitgliedsorganisationen in der FITA, der internationalen Bogensport Verband, sind ausschließlich reine Bogensportverbände, mit Ausnahme des Deutschen Schützenbundes. Die Verbände sind dabei sehr unterschiedlich groß, es gibt sogar Verbände, die kaum 100 Mitglieder haben. Dies ist sicher auch ein Grund, warum der Deutsche Schützenbund sich entgegen seines satzungsgemäßen Namens international als German Shooting sport & archery Federation bezeichnet.
Bogensport-extra.de: Welche Vorzüge sehen Sie in einem Bogensportverband, der als eigenständige Organisationsform handeln kann ?
Stefan Lehmann: Da gibt es sicher einige. Ich möchte aber auf die wichtigsten eingehen. Da besteht natürlich an erster Stelle, die schnelle Reaktion auf sich verändernde Regeln, Anforderungen, aber auch sich entwickelnde Interessen der Bogensportler. So haben sich neben dem olympischen Bogenschießen immer stärker weitere Formen stark entwickelt. Dies fing an mit dem starken Anwachsen des Compound-Schießens. In den letzten Jahren aber geht ein riesiges Interesse zum 3D-Schiessen. Damit entwickelt hat sich mehr und mehr die Benutzung von traditionellen Bogenarten, wie der Jagd- und Langbogen.
Dies können Bogensportler in eigenen Sportausschüssen und Gremien besser erkennen und beeinflussen.
Bogensport-extra.de: Wie sieht diese Situation bei den im Deutschen Schützenbund organisierten Bogensportlern aus ?
Stefan Lehmann: Nun kann ich natürlich nicht für alle im DSB organisierten Bogensportler sprechen. Tatsache ist, dass man natürlich sehr interessiert ist, das olympische Bogenschießen zu unterstützen. Hierfür gibt es ja auch finanzielle Mittel aus verschiedenen Fördertöpfen. Da ist auch die volle Breite vertreten, also hauptamtliche Trainer, Trainingsstützpunkte, Trainingslager und so weiter. Wie dies im Vergleich zu den anderen olympischen Bereichen im Deutschen Schützenbund ist, kann ich nicht beurteilen.
Da wo sich die Bogensportler engagieren, gibt es natürlich auch eine sehr aktive Vereinsarbeit, auch in Schützenvereinen. Wenn es aber um die stärkere Entwicklung beim Compoundbogen oder weitere darüber hinaus gehende Aktivitäten geht, da zieht sich der DSB immer weiter zurück.
Bogensport-extra.de: Dennoch ist doch die Situation mit unseren nationalen Bogensportverbänden und ihren jeweils eigenen Deutschen Meisterschaften nicht zufriedenstellend ?
Stefan Lehmann: Das betrifft ja nicht nur die Deutschen Meisterschaften, sondern auch die vorgelagerten Meisterschaften in den Ländern. Da ja sehr viele Bogensportler in mehren Verbänden organisiert sind, um eine größere Breite an Wettkampfformen zu nutzen, gibt es meistens Probleme bei der zeitlichen Organisation dieser Wettkämpfe. Auf Bundesebene ist der DBSV bemüht, möglichst Überschneidungen zu vermeiden, was auf Landesebene meistens nicht funktioniert, manchmal ungewollt, aber oft genug auch noch bewusst provoziert. In einem gemeinsamen Verband kann so etwas natürlich ganz anders koordiniert werden.
Bogensport-extra.de: Wäre eine Angliederung des DBSV an den Deutschen Schützenbund aus Ihrer Sicht vorstellbar ?
Stefan Lehmann: Es hat ja solche Vorstellungen schon vor Jahren gegeben und sind dem DSB vorgeschlagen worden. Dazu sind natürlich wichtige Veränderungen beim Deutschen Schützenbund notwendig, wenn er das wirklich will.
Bogensport-extra.de: Welche Rahmenbedingungen müssten aus Ihrer Sicht vorliegen, um einen solchen Zusammenschluss realisieren zu können ?
Stefan Lehmann: Nun kann ich das sicher hier nicht komplett zusammenstellen. Aber vielleicht ein paar Punkte so als wichtigstes. Aus meiner Sicht wäre es notwendig einen eigenen, durch die Bogensportler bestimmten Vertreter im Vorstand mit wichtiger Stimme zu haben. Sehr wichtig ist ein eigener Sportausschuss, der unabhängig die Sportregeln für den Bogensport regelt, da sich diese gänzlich von denen der Schützen unterscheiden. Damit verbunden ist ja auch die selbständige Organisation der Wettkämpfe und Meisterschaften.
Aus diesen Gremien werden auch die Vertreter bestimmt, die die Bogensportler international vertreten, als Sportler oder Funktionär in internationalen Gremien. Dabei müssten natürlich auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Mitglieder des Feldbogenverbandes und auch der Kyodo-Schützen ermöglicht, um dies komplett sinnvoll zu machen.
Bogensport-extra.de: Gibt es aktuelle Bemühungen, einen Zusammenschluss der Verbände voranzutreiben ?
Stefan Lehmann: Davon sind wir im Moment leider sehr weit weg. Es wäre schon schön, wenn Aktivitäten zustande kämen, die Arbeit zu koordinieren und Gemeinsamkeiten zu finden.
Anlässlich der WM in Leipzig, die ja nun auch schon drei Jahre zurückliegt, hat es ja Gespräche gegeben, bei denen auf höchster Ebene die Bereitschaft erklärt wurde, über gemeinsame Aktivitäten zu beraten. Nur bei der Absichtserklärung ist es leider geblieben.
Dabei könnte ich mir vorstellen, dass es schon Möglichkeiten bei der Koordination der Kampfrichteraus- und -weiterbildung, bei der Anerkennung von Wettkampfergebnissen, vielleicht so gar gemeinsame Wettkämpfe und weiteres geben kann, die den Aktivitäten in beiden Verbänden zu Gute kommt.
Bogensport-extra.de: In welcher Form würden die Bogensportler von solcher Zusammenarbeit profitieren ?
Stefan Lehmann: Ich bin überzeugt, dass diese Zusammenarbeit natürlich vieles leichter machen würde, was zum Beispiel die Koordinierung und Organisation der Wettkämpfe betrifft. Auch würde es die immer noch bestehenden Anfeindungen, die hi und da geschürt werden, entschärfen. Und dass das dann auch der Entwicklung des Bogensports insgesamt nutzt, kann sich jeder vorstellen. Denn auch die Talentsuche und -förderung kann so deutlich besser funktionieren, und da soll mir keiner sagen, dass wir da schon genügend gut aufgestellt sind.
Ich weiß, dass ich manchmal sehr weit träume. Nur wer keine Träume hat, schränkt sich selbst in seinen Aktivitäten ein. Ich habe mein ganzes Leben dem Bogensport verschrieben und weiß, dass es noch sehr viele in unserem Land gibt, denen es genauso geht. Und das macht mir weiterhin Mut.
Bogensport-extra.de: Herzlichen Dank für das Interview!
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